EKD – Welt in Unordnung

Mit dem Titel „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ wurde Ende 2025 eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlicht. Das Dokument kann hier als PDF-Datei kostenfrei aus dem Internet abgerufen werden. Zu dieser Denkschrift erreichte uns ein Kommentar, den wir an dieser Stelle mit Zustimmung der Verfasserin veröffentlichen, der aber nicht notwendigerweise die Meinung des Gesprächskreises Darmstadt der NachDenkSeiten widergibt.

Gertrude Croissier, Dezember 2025

Antwort auf die FriedensDenkschrift der Evangelischen Kirche Deutschland EKD und die Reaktion von „Gewaltfrei Grün“

Christen, Kreuzigung und Frieden

Als Tochter eines evangelischen Theologen, hat mich die sogenannte FriedensDenkschrift der EKD mit dem Titel „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“, sehr verstört und nachhaltig schockiert. Sie ist eine radikale Absage an die christliche Friedensethik und ein Beitrag zur aktuellen Kriegs-Ertüchtigung: Was gerechter Friede bedeutet, das unterliegt schon immer der Definition der jeweiligen Konfliktparteien und der damit einher gehenden Kriegspropaganda. Selbst Atomwaffen haben in dieser gerechten christlichen Weltsicht ihre Berechtigung: „Die Denkschrift bezeichnet Atomwaffen als ethisch verwerflich, da sie dem Gerechten Frieden völlig widersprechen. Dennoch erkennt sie an, dass der Besitz von Atomwaffen politisch notwendig sein kann, …“ (1)

Theologische Befürwortung militärischer Gewalt, das hatten wir Deutschen doch schon einmal! Um es nicht zu vergessen: Wir Deutschen sind verantwortlich für zwei Weltkriege mit mindestens 26 Millionen Toten im ersten Weltkrieg und ca. 60 Millionen Toten im zweiten Weltkrieg, davon allein 27 Millionen in der Sowjetunion.

Es ist meine persönlicher Betroffenheit – auch als Kriegskind – weshalb ich mich zu der EKD-Denkschrift äußere. Aber auch der Argumentation von „Gewaltfrei Grün“, (2) mit der Vorstellung von der „Kreuzigung Christi als radikalem Gegenkonzept zur Gewalt“,  möchte ich hier deutlich widersprechen: Zunächst sei angemerkt, dass diese gutgemeinte Eingabe von Grünen Christen an die Verfasser dieser sogenannten friedensethischen Schrift doch ziemlich verharmlosend und devot daherkommt. ­ Man will es sich mit niemand verderben.

Diese Denkschrift der EKD offenbart sich als Ausdruck machtpolitischer Interessen und politischer Hörigkeit innerhalb der Evangelischen Kirche. Was ist von einer Bischöfin zu halten, die sich – im 21zigsten Jahrhundert! – mit der mittelalterlichen Halskrause schmückt, dem Zeichen für vermeintliche „Würde“ dieser kirchlichen Amtsperson, und damit ablichten lässt?
– An dieser Stelle denke ich mit großer Achtung und Wertschätzung an die vorherige Bischöfin, Frau Margot Käßmann, eine authentische Theologin, die essentielle christliche Friedensethik verkündet und lebt.

Zudem bezweifele ich das Konzept der „Kreuzigung Christi als radikalen Gegenentwurf zur Gewalt“. Genau das Gegenteil ist der Fall; zum Beispiel belastet dieses Konzept das Verhältnis von Juden und Christen bis heute.
Der Kreuzes-Tod Jesu „zur Erlösung der Sünden“ entspricht einem mittelalterlichen und noch älterem menschlichen Wunsch-Denken: „Christus du Lamm Gottes, das du trägst die Sünd‘ der Welt, erbarm dich unser…“  Dieses mythologische „Stellvertreter-Opfer“ Jesu ist aus den alten kleinasiatischen Mythen der sterbenden und wieder auferstandenen Gottheiten wie Adonis,
Tamuz und Ossieris abgeleitet. Die frühen Christen, in ihrem missionarischen Eifer, hatten diese Mythen übernommen, um damit die „Heiden“ für sich zu gewinnen.
Der Stellvertreter-Tod aber hat über zweitausend Jahre die Menschheit nicht von ihren „Sünden“ erlöst, sondern er hat mit dazu beigetragen, dass die Menschenwelt aktuell am Abgrund steht. Die christliche Kirche ist nachweislich die gewalttätigste Religion (3), noch vor den anderen patriarchalen Eroberungs-Religionen wie Judentum und Islam. Um nochmal an die monströsesten Gewaltexzesse der Christen zu erinnern: Kreuzzüge, Inquisition, Kolonialisierung und Mitverantwortung für Judenverfolgung und Holocaust.

Der Mythos vom erlösenden Kreuzestod Jesu  wurde in den 1990ziger Jahren von aufgeklärten christlichen Theologen und Theologinnen in Frage gestellt und entsprechend korrigiert: Kein Stellvertreter-Opfer bringt die ersehnte Befreiung und Erlösung. Der einzige erlösende Kreuzes-Tod ist der, der sich im Inneren der menschlichen Psyche ereignet. Das menschliche Ego mit seiner Gier nach
Macht und Profit muss sterben und als DeMut, Hingabe, Mitgefühl und Nächstenliebe wiedergeboren werden. Die friedensethische Botschaft von Jesus-Christus lautet bis heute:
„Selig sind die Friedfertigen…“

  1. EKD Zusammenfassung Friedensdenkschrift 2022
  2. „Gewaltfrei Grün“, Eingabe zur EKD-Denkschrift
  3. Horst Herrmann „Sex und Folter in der Kirche. 2000 Jahre Folter im Namen Gottes“ H. Herrmann war Professor für Theologie an der Universität Münster. 1975 wurde ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.