Nicht in unserem Namen

Am 9. Mai 2025 hatte der Gesprächskreis Darmstadt der NachDenkSeiten die Möglichkeit, gegenüber unseren russischen Mitbürgern seinen Missmut zu den  Kriegsvorbereitungen des neuen Merz – Regimes in Berlin  zum Ausdruck zu bringen. Wir taten das im Rahmen einer Rede, die wir anlässlich des Gedenkens verstorbener russischer Kriegsgefangener auf einem Friedhof in Südhessen hielten. Nachfolgend ist der Inhalt dieser Rede hier wiedergegeben:

Heute, am 9. Mai, gedenken wir den mehr als 400 Toten sowjetischen Kriegsgefangenen, die weit entfernt von ihrer Heimat hier begraben sind. Sie starben zwischen 1941 und 1945 in einem Lazarett in Klein – Zimmern.

Kriegsgefangene“ – wer oder was waren sie? Nur Soldaten der Roten Armee? Oder auch Zivilisten, die mit der Waffe in der Hand zu „Kombattanten“ wurden? Wir wissen es nicht; wir waren bei ihrer Gefangennahme nicht dabei. Aber wir wissen: Hier liegen sowjetische Menschen, die sich Invasoren widersetzten, die ihr Leben, das ihrer Angehörigen und die Existenz ihrer Landes bedrohten.

1985, zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, bezog der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker noch eindeutig Stellung darüber, wie er begann: „Wir dürfen den 8. Mai nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“ Fast 35 Jahre später klang das schon wieder ganz anders: „Das Europäische Parlament […] betont, dass der Zweite Weltkrieg […] als unmittelbare Folge des berüchtigten Nichtangriffsvertrags zwischen den Nazis und der Sowjetunion vom 23. August 1939 […] ausgelöst wurde.Auch ohne Nichtangriffspakt hätte Hitler den Krieg gegen Polen begonnen, abgedeckt über den Antikominternpakt mit Japan, das bereits seit März 1939 Krieg in Khalkhin Gol gegen die Sowjets führte. Das aber bleibt unerwähntHeutige Abgeordnete im EU – Parlament kennen Krieg nur vom Hörensagen und übernehmen ohne Gegenprüfung die Geschichtsschreibungen der westlichen Sieger, weil dies zudem karrierefördernd ist. Weizsäcker dagegen, Jahrgang 1920, hatte das Nazi-Regime und den Krieg selbst erlebt. Bei ihm war das Bewusstsein über dessen wahre Ursache sehr viel ausgeprägter, weshalb er diese mit dem 30. Januar 1933 und nicht mit dem 23. August 1939 verband.

Geschichtsvergessenheit führte wohl auch dazu, dass am 25. April dieses Jahr, am 80. Jahrestags des „Elbe-Day“ in Torgau, der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer in seiner unsäglichen Rede äußerte: „[…] Anteil an dieser Befreiung haben sehr viele Nationen, die ebenfalls riesige Opfer gebracht haben.“ Zur richtigen Einordnung: Die UdSSR hatte nach dem Zweiten Weltkrieg – je nach Quellen – zwischen 24 …27 Millionen Opfer zu verzeichnen – Soldaten und Zivilisten. Von den Vier Besatzungsmächten hatte sie ca. 95% der Toten zu beklagen, während USA, England und Frankreich zusammen ohne die durch sie kriegsverpflichteten Kolonien – ca. 5% aufwiesen. Um jeglicher diffamierenden Einordnung solcher Vergleiche vorzubeugen: Auch für uns ist JEDE(R) TOTE ZU VIEL und die Westalliierten haben ohne Frage grosse Opfer gebracht! Aber die Darstellung in Torgau relativiert auf fragwürdige Art den RIESIGEN Anteil der Sowjetunion an der Befreiung vom deutschen Faschismus.

Noch etwas muss hier gesagt werden: Es war die UdSSR, die mit demZwei-plus-Vier – Vertrag“ die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht hat, nachdem Michail Gorbatchow versprochen wurde, die NATO „not one inch“ nach Osten auszudehnen. Der letzte Satz von Artikel 5, Absatz (3) im „2+4“ lautet: „“Ausländische Streitkräfte und Atomwaffen oder deren Träger werden in diesem Teil Deutschlands weder stationiert noch dorthin  verlegt.“ Boris Pistorius richtete im Oktober letzten Jahres mit dem neuen Taktischen NATO – Hauptquartier in Rostock einen Posten für Soldaten aus elf weiteren Ländern ein und ist schon seit geraumer Zeit dabei, eine komplette Panzerbrigade nach Litauen zu verlegen – noch näher an Russland‘s Grenze. Damit bricht er nicht nur das Versprechen von 1989, sondern auch den Vertrag von 1990. Sind das die Gründe, warum der Russische Botschafter bei den Gedenkfeiern nicht zu Wort kommen soll? Aus Angst davor, er könnte daran erinnern?

Unsere Redezeit erlaubt nur Puzzleteile einer seit Jahren zunehmend zu beobachtenden Geschichtsklitterung und Vertragsbrüchigkeit aufzuzeigen, die einhergeht mit einer immer aggressiver werdenden „Russophobie“, propagiert von willfährigen Politikeliten wie in Torgau. Denn nur so lassen sich unbegrenzte Summen in Kriegsvorbereitungen, verpackt als Ausgaben für „Verteidigung“ und „Infrastruktur gegenüber einer vom Konsumismus bewusst abgelenkten Gesellschaft rechtfertigenIn Anbetracht dessen verneigen wir uns vor und entschuldigen uns bei den hier ruhenden Toten und sagen:

Nicht in unserem Namen!“