Buchaususzug aus: „Tamtam und Tabu“ von Daniela Dahn / Rainer Mausfeld, S. 105 ff.
„..es gehört gerade zum Wesensmerkmal einer kapitalistischen Demokratie, dass sie keine ist. Der Widerspruch ist so offenkundig, dass er sich nur mit ausgefeilten Techniken der Indoktrination unsichtbar und undenkbar machen lässt. In ihrem Wesenskern und in ihrer Funktionslogik sind Demokratie und real existierender Kapitalismus in fundamentaler Weise unverträglich miteinander.
Die kapitalistische Eigentumsordnung verpflichtet alle, die über kein eigenes Kapital verfügen, für fremdes Eigentum zu arbeiten, und überführt damit die Arbeit in Lohnarbeit1). Arbeit im Kapitalismus bedeutet also Unterwerfung unter die Verwertungsbedingungen des Akkumulationsprozesses und damit unter die Machtverhältnisse, die eine Minderheit von Besitzenden über eine Mehrheit von Nichtbesitzenden ausübt. Der Kapitalismus ist darauf angewiesen, die Minderheit der Besitzenden strikt vor den Veränderungswünschen der Mehrheit zu schützen.[…] Seit je haben also die Besitzenden großem Aufwand betrieben, solche Mittel zu schaffen. Ohne eine massive Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch eine geeignete Form der Indoktrination würde in einer kapitalistischen Demokratie rasch offenkundig, dass es sich in Wahrheit gar nicht um eine Demokratie handelt. Historisch gingen daher die Entwicklung kapitalistischer Demokratien und die Entwicklung immer wirksamerer Techniken der Indoktrination Hand in Hand. Seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts wurde und wird in den USA und auch bei uns, mit hohem finanziellen Aufwand und unter massiver Beteiligung der Sozialwissenschaften und auch der Psychologie, ein breites Arsenal von Techniken der Meinungs- und Affektmanipulation entwickelt. […] Zu den Verfeinerungen von Propaganda gehört nicht zuletzt, dass sie sich heute nicht mehr als Propaganda bezeichnet […] und dass sie Formen annimmt, die für die Bevölkerung immer weniger sichtbar und erkennbar geworden sind. Wie wirksam mittlerweile moderne Propaganda – Techniken geworden sind, lässt sich daran erkennen, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung dem Trugbild erlegen ist, in einer Gesellschaft zu leben, die frei von Propaganda sei. Zu diesen Indoktrinationstechniken gehört es, auch dem Wort „Demokratie“ in Orwell‘scher Weise neue Bedeutung zu verleihen, die geradezu das Gegenteil von dem bedeutet, was damit ursprünglich gemeint ist. […] Denken Sie etwa an all die Begriffe aus dem großen neoliberalen Falschwörterbuch wie „Reformen“ oder „Bürokratie – Abbau“, die für die Bevölkerung positiv2) und sinnvoll klingen sollen, tatsächlich jedoch bedeuten, Konzerne und Reiche vor einer demokratischen Verantwortung und Kontrolle zu schützen und eine Umverteilung von unten nach oben und von der öffentlichen in die private Hand voranzutreiben.“
1) Damit kehrt sich auch die Definition der allgemein verwendeten Begriffe von „Arbeitnehmer“ und „Arbeitgeber“ um. Derjenige, der dem, der die Arbeitskraft desjenigen annimmt, der sie mangels eigenen Besitzes nicht für sich selbst verwenden kann, wird zum „Arbeitgeber“ obwohl er in Wirklichkeit „Arbeitnehmer“ ist – und umgekehrt.
2) Beispielhaft sei hier an die Begriffsumdeutung von „Schulden“ in „Vermögen“ erinnert, in welcher Olaf Scholz in seiner berüchtigten Rede von der „Zeitenwende“ plötzlich ein „Sondervermögen über 100 Milliarden Euro“ aus dem Ärmel zauberte, das es nie gab sondern als „Sonderschulden“ dem Steuerzahler aufgebürdet wird. Und wofür? Um die Gesellschaft „kriegstüchtig“ (statt „friedenstüchtig“) zu machen.
Wie tiefgründig diese Zusammenhänge sind – wie wirkmächtig insbesondere die Indoktrination ist – können viele erleben, die versuchen, auf das Anhören anderer Meinungen hinzuwirken mit der Absicht, Menschen, die das wünschen, eine Möglichkeit zu bieten, sich ein neutraleres Bild von vielen massiv propagandistischen Vorgängen gerade in jüngster Zeit zu verschaffen.

